Bluthochdruck - Arterielle Hypertonie


 

Blutdrucksenker-Einnahme: egal wann ?

 

Der optimale Zeitpunkt für die Einnahme von Blutdruck-Medikamenten wird weiter kontrovers diskutiert.

Aktuell wurde bei rund 21000 Patienten mit hohem Blutdruck die morgendliche Einnahme aller Blutdruck-Medikamente mit einer Einnahme am Abend verglichen. Die Patienten wurden den beiden Gruppen randomisiert (wie beim Werfen einer Münze) zugeteilt. Im Verlauf von im Mittel 5 Jahren zeigte sich kein Unterschied im Hinblick auf kardiovaskuläre Komplikationen (Herzinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskuläre Todesfälle) zwischen den beiden Gruppen. Die Autoren schlussfolgern, dass es keine Rolle spiele, wann die Medikamenten-Einnahme erfolgt.  

  • MacDonald T: TIME - The Treatment in Morning versus Evening study, Hotline-Session 1, ESC Congress 2022, August, Barcelona 

Kommentar: Die Studien-Ergebnisse legen nahe, dass der Zeitpunkt der Medikamenten-Einnahme möglicherweise nicht von großer Bedeutung ist. Alternativ könnten individuelle Gegebenheiten des jeweiligen Patienten, z.B. das Blutdruck-Profil im Tag/Nacht-Verlauf, bei der Entscheidung berücksichtigt werden. 


 

Hypertonie durch Fluor-Kunststoffe?

 

Eine Vielzahl von Kunststoffen enthält auch Fluor-Atome (Fluor-Kunststoffe, fluorierte Chemikalien). Bei 1058 Frauen mittleren Alters ohne hohen Blutdruck wurde im Blut der Gehalt dieser Chemikalien gemessen. Die Teilnehmer wurden über 18 Jahre jährlich untersucht. Das Drittel der Frauen mit den höchsten Werten der Chemikalien im Blut zeigte im Verlauf ein rund 70% höheres Risiko für die Entwicklung von hohem Blutdruck als das Drittel der Frauen mit den geringsten Werten.

  • Ding N. Hypertension13 Jun 2022;0:10.1161/HYPERTENSIONAHA.121.18809

Kommentar: Fluor-Kunststoffe werden in zahllosen Varianten industriell hergestellt. Sie lassen Wasser, Schmutz und Fett abperlen und werden wegen dieser Eigenschaftenn z.B. in der Textil- Industrie zur Herstellung wasserabweisender, atmungsaktiver Textilien (Outdoor-Kleidung, Arbeitskleidung) eingesetzt. Auch in zahllosen anderen Alltags-Gegenständen wie Küchen-Utensilien (z.B. Teflon), Wetterschutz-Farben für Häuser-Fassaden, Imprägnier-Sprays und in Teppichen sind sie enthalten. Bei der Papier-Herstellung und in der Lebensmittel-Verpackungsindustrie (Pappbecher oder Pizzakartons) kommen sie zum Einsatz.

Die Kunststoffe gelten als schwer in der Natur abbaubar. Aus diesem Grund werden sie als langlebige (ewige) Chemikalien eingestuft. Sie können sich in der Umwelt und auch im menschlichen Körper anreichern. Die Aufnahme in den menschlichen Körper kann über tierische Nahrungsmittel aber auch über das Trinkwasser und Aerosole erfolgen. Einige dieser Chemikalien stehen im Verdacht krebserregend zu sein. 

Die aktuelle Analyse stellt einen möglichen Zusammenhang mit der Entwicklung eines hohen Blutdrucks her.  


 

Senkt Fischöl den Blutdruck?

 

Aktuell wurden die Ergebnisse mehrerer Studien zusammengefasst, in denen die Wirkung von Omega-3-Fettsäuren untersucht wurde. Alle Studien waren randomisiert, d.h. nur eine Gruppe der fast 5000Teilnehmer war jeweils per Zufall für die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren ausgewählt worden. In der aktuellen Analyse zeigte sich bei Teilnehmern mit regelmäßiger Einnahme der “Fischöl“-Präparate im Mittel ein mäßig geringerer Blutdruck (sowohl systolisch als auch diastolisch). 

  • Zhang X. Originally published 1 Jun 2022https://doi.org/10.1161/JAHA.121.025071Journal of the American Heart Association. 2022;11:e025071 

Kommentar: Die aktuellen Ergebnisse sind vielversprechend und bestätigen frühere Beobachtungen. Die deutsche Hochdruckliga empfiehlt den Verzehr von Meereskaltwasserfischen. Fischöl aus Hering, Lachs, Makrelen und Thunfisch ist reich an ungesättigten Omega-3-Fettsäuren, die den Cholesterin- und Triglyzerid-Gehalt im Blut und auch den Blutdruck senken.


 

Passende Blutdruck-Manschette wählen

 

Bei 165 Erwachsenen wurden Blutdruck-Messungen mit verschiedenen Manschetten-Größen (passend, zu groß, zu klein) durchgeführt. Bei großem Arm-Umfang führte z.B. die Verwendung einer (relativ zu kleinen) Standard-Manschette zur falschen Erhöhung von systolischen Blutdruckwerten um bis zu 20mmHg. 

  • Brady T. Conference of the American Heart association, Chicago 3/2022 

Kommentar: Laut deutscher Hochdruckliga sollte ab einem Oberarm-Umfang von 33 cm von der Standard-Manschette auf eine extra breite Manschette gewechselt werden. Bei Handgelenk-Geräten ist bis zu einem Handgelenks-Umfang von 19,5 cm von einer verlässlichen Messgenauigkeit auszugehen. Die o.g. Studien-Ergebnisse wurden auf einem wissenschaftlichen Kongress vorgestellt. Sie sind noch nicht in einer Fachzeitschrift nach Prüfung durch unabhängige Gutachter (Peer Review) publiziert worden. 


 

Erster "In-Ear"-Blutdruckmesser

 

Bald könnte die 24-Stunden-Blutdruck-Messung am Oberarm der Vergangenheit angehören.  Forscher aus Bad Oeynhausen haben in Zusammenarbeit mit der Deutschen Hochdruckliga und dem Unternehmen Kind ein Miniatur-Blutdruck-Gerät entwickelt, das wie ein Hörgerät in den Gehörgang eingebracht werden kann. Der Blutdruck kann so mit hoher Genauigkeit kontinuierlich gemessen werden. Die Forscher hoffen, die Technologie innerhalb der nächsten 2 Jahre zur Marktreife zu entwickeln. Individuelle Geräte-Anpassungen mittels 3-D-Druck sind geplant.  

  • Deutsches Ärzteblatt, 26.11.2021 

Kommentar: Die konventionelle 24-Stunden-Messung am Oberarm erlaubt nur punktuelle Messungen. Auch sind die Messwerte nicht selten durch das Aufpumpen der Manschette, insbesondere während der Nachtruhe, beeinträchtigt. Wie mit der Manschetten-Messung können auch mit der neuen Methode absolute Blutdruck-Werte gemessen werden. 


 

Epilepsie bei hohem Blutdruck

 

In der aktuellen Untersuchung wurde nach Faktoren gesucht, die das Auftreten einer Epilepsie im mittleren/höheren Alter (außerhalb einer Schlaganfall-Situation) erklären können. Dazu wurden etwa 3000 Teilnehmer der bekannten US-Framingham-Studie ab einem Alter von 45 Jahren im Mittel über 19 Jahre begleitet. Es zeigte sich bei Teilnehmern mit hohem Blutdruck ein rund doppelt so hohes Risiko für die Entwicklung einer Epilepsie.

  • Stefanidou M. Epilepsia. DOI: 10.1111/epi.17108 
  • Yasgur B. - Medscape - Nov 22, 2021

Kommentar: Zwar treten epileptische Anfälle häufig im Rahmen eines Schlaganfalls bei Patienten mittleren/höheren Alters auf. Hoher Blutdruck allein scheint aber auch ohne offensichtlichen Schlaganfall, am ehesten auf dem Boden neuro-degenerativer Prozesse, das Auftreten einer Epilepsie zu verursachen.


 

Blutdruck-Senker können Diabetes verhindern

 

In einer zusammenfassenden Analyse haben Forscher der Oxford-Universität mehr als 145.000 Patienten mit hohem Blutdruck über rund 4,5 Jahre begleitet. Dabei interessierten sich die Forscher insbesondere für das Neu-Auftreten eines Diabetes mellitus unter den verschiedenen Blutdruck-Medikamenten. Während für sog. ACE-Hemmer und ARBs (Angiotensin-Rezeptor-Blocker) ein rund 16% geringeres Risiko für das Neu-Auftreten eines Diabetes mellitus festgestellt wurde, hatten Calcium-Antagonisten keinen wesentlichen Einfluss. Bei Betablockern und Thiaziden (Wasser-Tablette) fand sich sogar ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Diabetes mellitus.  

  • Nazarzadeh M. The Lancet, VOLUME 398, ISSUE 10313, P1803-1810, NOVEMBER 13, 2021

Kommentar: Die Daten versichern noch einmal überzeugend, dass die o.g. Medikamente nicht nur zuverlässig den Blutdruck senken, sondern teilweise auch noch die Entwicklung eines Diabetes verhindern können. Allerdings ist dies nur einer von zahlreichen Gesichtspunkten, die bei der Auswahl von Hochdruck-Medikamenten zu berücksichtigen sind. So kann z.B. bei Patienten mit Herzschwäche, Vorhofflimmern oder früherem Herzinfarkt die Verordnung von Betablockern oder Thiaziden vordringlich sein. Im individuellen Fall sollte jeweils unter Berücksichtigung aller relevanten Gesichtspunkte das best-geeignete Medikament ausgewählt werden.  


 

Aorta reißt durch hohen Blutdruck

 

Das Einreißen der Hauptkörper-Schlagader (Aorta) der Länge nach in den inneren Wandschichten (Dissektion) gehört zu den schwersten, meist lebensbedrohlichen Erkrankungen der Kreislauf-Medizin. In einer aktuellen Studie untersuchten Forscher den Einfluss des Blutdrucks auf das Risiko für das Eintreten dieser Erkrankung. Dabei wurden mehr als 1 Million Teilnehmer aus Japan und UK bis zu 9 Jahren begleitet. Patienten mit hohem Blutdruck hatten ein 3-fach höheres Risiko für das Auftreten einer Aorten-Dissektion. Das Risiko nahm sowohl mit steigendem systolischen als auch diastolischen Blutdruck stetig zu.    

  •  Hibino M. Circulation, 8. Nov 2021https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.121.056546 

Kommentar: Während die Rolle des hohen Blutdrucks als Risikofaktor für Schlaganfälle gut belegt ist, lagen bisher nur wenige Untersuchungen zur Rolle des Blutdrucks bei der Aorten-Dissektion vor. Eine möglichst optimale Einstellung des Blutdrucks kann also dazu beitragen, auch dieser schweren Komplikation vorzubeugen.

 


 

Herzwochen 2021: „Herz unter Druck“

 

Die alljährlich stattfindenden Herzwochen der Deutschen Herzstiftung widmen sich in diesem Jahr dem Thema Bluthochdruck unter dem Motto „Herz unter Druck“. Hierzu werden traditionell im November regionale Patienten-Seminare angeboten, in denen die wesentlichen Aspekte der Ursachen, Diagnose und Therapie des hohen Blutdrucks vermittelt werden. Insbesondere Patienten und deren Angehörige aber auch alle anderen Interessierten sollen angesprochen werden. Etwa ein Drittel aller Erwachsenen in Deutschland leidet an hohem Blutdruck. Viele Betroffene wissen gar nicht von Ihrer Erkrankung. Bluthochdruck gilt als wesentliche Ursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen oder Nierenversagen. „Leider führen oft erst die schwerwiegenden Folgen eines unbehandelten Hochdrucks die betroffenen Personen zum Arzt. Dem wollen wir mit gezielter Aufklärung entgegenwirken. Bluthochdruck lässt sich mit Hilfe von Medikamenten und einem gesunden Lebensstil sehr gut behandeln“, betont Prof. Dr. med. Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. Weitere Infos können unter: www.herzstiftung.de/herzwochen 2021 abgerufen werden. 


 

Blutdruck-Senker gegen Hirn-Abbau

 

In einer aktuellen Studie wurden die Gehirne von mehr als 3000 freiwilligen Spendern nach ihrem Tod untersucht und zu Vorerkrankungen und Einnahme von Medikamenten wie Blutdruckmitteln in Beziehung gebracht.

Es zeigten sich für alle Blutdrucksenker 18% weniger pathologische Hirnabbau-Prozesse und bis zu 40% weniger Ablagerungen eines besonders schädlichen Eiweißes (TDP-43). 

Generell waren bei höheren Blutdruckwerten zu Lebzeiten verstärkte Abbauprozesse nachweisbar. Die Autoren gehen davon aus, dass die Medikamente selbst und nicht die erreichte Blutdruck-Senkung für die verringerten Hirn-Abbau-Prozesse verantwortlich sind.  

  • ANA 2021: 146th Annual Meeting of the American Neurological Association: Abstract 375. Presented October 18, 2021 
  • Anderson P, Medscape, 25. Oktober 2021

Kommentar: Leider stehen keine Informationen über den Beginn und die Dauer der Einnahme von Blutdruck-Senkern zur Verfügung. Ob die geringeren Hirn-Abbau-Prozesses als Folge einer direkten Medikamenten-Einwirkung anzusehen sind oder als indirekte Folge der erreichten Blutdrucksenkung, sollte in weiteren Untersuchungen geklärt werden. Jedenfalls kann bei einer medikamentösen Blutdruck-Einstellung von einer Verringerung sonst drohender Hirn-Abbau-Prozese ausgegangen werden.   


 

Hoher Blutdruck durch Stress

 

Bei 412 Personen, die noch nicht unter hohem Blutdruck litten, wurden die Stress-Hormone im Urin untersucht (Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, Cortisol). Die Teilnehmer wurden über 6.5 Jahre begleitet. Eine Verdoppelung der Stresshormone ging mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines hohen Blutdrucks einher (Risiko-Erhöhung je nach Hormon zwischen 21 und 31%). Im langfristigen Verlauf über 11.2 Jahre war bei Verdoppelung des Cortisol-Spiegels auch eine Zunahme von kardiovaskulären Komplikationen (Herzinfarkt, Schlaganfall u.a.) um 90% festzustellen.

  • Inoue K. Hypertension. 2021 Sep 13;HYPERTENSIONAHA12117618. doi: 10.1161

Kommentar: Langfristiger psychosozialer Stress kann über verschiedene Stress-Hormone die Entstehung eines hohen Blutdrucks begünstigen. Zumindest im Falle  von Cortisol kann auch ein höheres Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen nachgewiesen werden. Bei hoher Stress-Exposition sollten Techniken zum Stress-Abbau in den Alltag integriert werden.  


 

Hat intensivere Blutdruck-Senkung doch Vorteile?

 

In den letzten Jahren ist der optimale Zielbereich der Blutdruck-Einstellung oft kontrovers diskutiert worden. Im Wesentlichen aufgrund der Ergebnisse der sog. SPRINT-Studie tendieren US-Leitlinien zu etwas niedrigeren Zielbereichen. Aktuell wurden rund 8500 chinesische Patienten mit hohem Blutdruck im Alter von 60-80 Jahren zwei unterschiedlichen Strategien randomisiert (zufallsmäßig) zugeteilt. Für eine Hälfte der Patienten wurde ein Zielbereich für den systolischen Blutdruck von 110-129mmHg und in der anderen Hälfte von 130-149mmHg angestrebt. Nach 3.3 Jahren waren rund 26% weniger kardiovaskuläre Probleme bei Patienten mit intensiverer Blutdruck-Einstellung aufgetreten. Beeindruckend war insbesondere eine geringere Rate von Schlaganfällen (-33%), Todesfällen aus kardiovaskulärer Ursache (-28%), akuter Herzschwäche (-73%), Herzinfarkt und instabiler Angina (-33%). Erwartungsgemäß traten bei intensiverer Blutdruck-Behandlung häufiger Episoden von zu niedrigem Blutdruck auf. 

  • Zhang W. NEJM. August 30, 2021.DOI: 10.1056/NEJMoa2111437

Kommentar:  Es mehren sich Hinweise, dass eine intensivere Blutdruck-Einstellung mit einer geringeren Rate kardiovaskulärer Komplikationen einhergeht. Im individuellen Fall sind aber immer zahlreiche Gesichtspunkte zu berücksichtigen, so sollte z. B. eine zu starke Absenkung des diastolischen Blutdrucks vermieden werden. Der jeweils angemessene Zielbereich kann nur im vertrauensvollen Gespräch mit dem behandelnden Arzt geklärt werden. Es bleibt auch abzuwarten, wie sich die deutsche Hochdruckliga und Leitlinien-Empfehlungen zu dieser Thematik positionieren werden.  


 

ARNI kann auch Blutdruck senken

 

ARNI steht als Abkürzung für Angiotensin-Rezeptor- und Neprilysin-Inhibitor. Das für Patienten mit Herzschwäche etablierte Medikament (Entresto®) beinhaltet zwei Stoffgruppen, zum einen mit Valsartan einen sog. Angiotensin-Rezeptor-Blocker. Diese Medikamenten-Gruppe wird neben der Indikation Herzschwäche auch häufig zur Blutdruck-Senkung eingesetzt. Die Kombination mit dem zweiten Bestandteil, dem Neprilysin-Inhibitor Sacubitril, ist für die Behandlung von Patienten mit Herzschwäche zugelassen. In einer aktuellen Nachauswertung einer großen Studie (PARAGON-HF) wurde jetzt der Blutdruck-senkende Effekt von ARNI im Vergleich zu Valsartan allein bei 731 Patienten mit schwer einstellbarem Blutdruck unter die Lupe genommen. Bei allen Patienten lag auch eine besondere Form der Herzschwäche (mit erhaltener Pumpfunktion) vor. Nach 4 Monaten konnte bei 48% der Patienten mit Sacubitril-Valsartan gegenüber nur 34 % in der Valsartan-Gruppe eine zufriedenstellende Blutdruck-Kontrolle erreicht werden.   

  • Jackson A. Eur Heart J. 2021 Aug 15:ehab499. doi: 10.1093/eurheartj/ehab499. PMID: 34392331

Kommentar: Bisher war die Blutdruck-Senkung bei Behandlung mit Entresto® eher als Nebenwirkung bei der Therapie von Patienten mit Herzschwäche aufgefallen. Nicht selten muss eine Therapie wegen zu niedriger Blutdruckwerte reduziert oder gar beendet werden. Offensichtlich zeichnet sich aber mit Entresto® eine weitere, gut verträgliche Option für Patienten mit schwer einstellbarem Blutdruck ab. Ob sich die Kombination von Sacubitril-Valsartan auch als Blutdruck-Senker durchsetzen kann, hängt von den Entscheidungen der Zulassungs-Behörden und zukünftigen Leitlinien-Empfehlungen der Fachgesellschaften ab.  


 

Sport bei hartnäckigem Blutdruck

 

Für eine aktuelle Untersuchung wurden 60 Patienten mit einem schwer einstellbaren Bluthochdruck ausgewählt. Auch mit einer Mehrfach-Medikation von mindestens 3 Medikamenten war noch keine zufriedenstellende Blutdruck-Einstellung erreicht worden. Die Teilnehmer wurden randomisiert (zufallsmäßige Auswahl, wie beim Werfen einer Münze) jeweils einer Gruppe mit oder ohne sportliches Trainings-Programm über 12 Wochen zugeteilt. In der Sport-Gruppe erfolgte an 3 Tagen in der Woche über jeweils 40 Minuten ein aerobes moderates Ausdauer-Training. Mittels Langzeit-Blutdruckmessung fand sich nach 3 Monaten in der Sport-Gruppe ein um 7,1mmHg geringerer systolischer und um 5,1mmHg geringerer diastolischer Blutdruck. Während der stressbeladenen Arbeitszeit nahm der systolische Blutdruck sogar um 10,0mmHg ab. 

  • Lopes S. JAMA Cardiol. Published online August 4, 2021. doi:10.1001/jamacardio.2021.2735 

Kommentar: Die Ergebnisse belegen erneut die positiven Auswirkungen körperlicher Ausdauer-Belastung auf das Blutdruck-Niveau. Langfristig besteht die Chance, dass eine umfangreiche Medikation wieder reduziert werden kann. Leider wurden die nächtlichen Blutdruckwerte in dieser Studie nicht gemessen. Vor Aufnahme einer sportlichen Betätigung sollte bei schlecht eingestelltem Blutdruck zunächst der betreuende Hausarzt konsultiert werden. Weitere Informationen können den Stellungnahmen und Leitfäden der Deutschen Hochdruckliga entnommen werden.   


 

Nierenschaden durch Hochdruck bei Nacht

 

Bei rund 2000 Patienten mit schon bekanntem chronischen Nierenschaden wurde untersucht, wie sich ein erhöhter nächtlicher Blutdruck (>120/70mmHg) im Verlauf auswirkt. Innerhalb von rund fünf Jahren hatten Patienten mit nächtlicher Hypertonie (systolisch und diastolisch) ein ca. 70% höheres Risiko für eine Dialyse-Behandlung oder eine Nieren-Transplantation als Patienten mit normalen nächtlichen Blutdruck-Werten. Auch kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall traten etwa doppelt so häufig auf. 

  • Wang Q et al. Clin J Am Soc Nephrol. 2021 Mar 8;16(3):356-364. doi: 10.2215/CJN.14420920.  

Kommentar: Der nächtliche Bluthochdruck führt offensichtlich zu einer weiteren Verschlechterung der Nierenfunktion. Bei Patienten mit schon bestehender Nierenfunktions-Störung ist eine besonders sorgfältige Blutdruck-Einstellung erforderlich. Dies muss auch im Nachtzeitraum gewährleistet sein, sodass hier die 24-Stunden-Blutdruckmessung unverzichtbar ist.


 

Empfehlungen zur Heim-Blutdruck-Messung 

 

Für die Diagnose und Therapie-Kontrolle der arteriellen Hypertonie stehen die Blutdruck-Messung in der Praxis, die ambulante 24-Stunden-Blutdruck-Messung und die Heim-Blutdruck-Messung des Patienten zur Verfügung. Letztere hat sich neben den anderen Verfahren zur Diagnose des hohen Blutdrucks bewährt und gilt als best-geeignete Methode zur Langzeit-Kontrolle des Blutdrucks. In einem aktuellen Konsensus-Dokument der europäischen Hochdruck-Gesellschaft werden folgende Empfehlungen für die Blutdruck-Heim-Messung gegeben. 

 

Umgebungs-Bedingungen

  • Ruhiger Raum, angenehme Temperatur
  • Entspanntes Sitzen für 3-5 Minuten
  • Keine Unterhaltung bei oder zwischen den Messungen
  • Aufrecht auf Stuhl sitzend, mit Rücken angelehnt
  • Arm auf Tisch ruhend, mittlerer Arm in Herzhöhe
  • Füße flach auf dem Boden, Beine nicht über Kreuz
  • 30 Minuten vor der Messung kein Essen, nicht rauchen, kein Koffein, keine Belastung
  • Angepasste Manschetten-Größe 

Für die Diagnose der Hypertonie und jeweils vor dem Arztbesuch

  • Messungen an 7, mindestens an 3 Tagen
  • Messungen am Morgen und am Abend
  • Jeweils 2 Messungen im Abstand von einer Minute 
  • Messung vor Medikamenten-Einnahme, vor Mahlzeit
  • Systolischen, diastolischen Wert und Puls dokumentieren
  • Durchschnitt aller Werte (außer Werte vom 1. Tag) berechnen
  • Mittelwert > 135/85 mmHg bedeutet Hypertonie 

Langfristige Blutdruck-Kontrolle

  • Doppelmessung an 1-2 Tagen/Woche, (mindesten einmal im Monat) 

Empfohlen werden elektronische Oberarm-Messgeräte. Von der Verwendung von Handgelenk-Messgeräten wird wegen nicht ausreichender Messgenauigkeit abgeraten. Auch Messungen mit Armbändern am Handgelenk sollten nicht für diagnostische oder therapeutische Entscheidungen herangezogen werden. Mobile Apps können ebenso noch nicht für die klinische Praxis empfohlen werden.   

  • Stergiou GS et al. Journal of Hypertension 2021, 39:1293–130  

 

Hoher Blutdruck als Nebenwirkung von Medikamenten

 

Rund einer von fünf Hochdruck-Patienten nimmt Medikamente ein, die als Nebenwirkung zu einer Blutdruck-Erhöhung führen und damit einer guten Blutdruck-Einstellung zuwiderlaufen. Dies ergab eine aktuelle Analyse, die auf einem Kongress amerikanischer Kardiologen (ACC) vorgestellt wurde. Zu den häufigsten Medikamenten-Gruppen, die zu einem Anstieg des Blutdruck-Niveaus beitragen, zählen danach Anti-Depressiva, Steroide (z.B. Cortison), sog. NSAR (nicht-steroidale Antirheumatika) und Östrogen-haltige Präparate. Dabei wurden nur die ärztlich verschriebenen Medikamente berücksichtigt. Tatsächlich dürften durch die Einnahme frei-verkäuflicher, rezeptfreier Medikamente noch wesentlich mehr Patienten betroffen sein.   

  • Zoler M. Hypertension Worsened by Commonly Used Prescription Meds - Medscape - May 07, 2021

Kommentar: Besonders die weite Verbreitung von NSAR (z.B. ASS, Diclofenac, Ibuprofen u.a.) als Schmerzmittel verdient Beachtung. Patienten-seitig ist die offene Kommunikation über die evtl. Einnahme von rezeptfreien Präparaten gegenüber behandelnden Ärzten erforderlich. In jedem Fall ist unter den genannten Medikamenten bei Hochdruck-Patienten eine engmaschige Blutdruck-Kontrolle und ggf. Anpassung der Blutdruck-Medikation erforderlich. Auch nach Absetzen der Medikamente ist ein Blutdruck-Monitoring nötig. Oft können Hochdruck-Medikamente dann wieder reduziert werden. Nicht selten kann in ärztlicher Absprache eine Umstellung auf alternative, weniger Blutdruck-wirksame, Schmerzmittel erwogen werden. In jedem Fall sollte, insbesondere bei den anderen o.g. Medikamenten-Gruppen wie den Anti-Depressiva, eine Therapie-Änderung nur in enger ärztlicher Absprache erfolgen.


 

Blutdruck-Senker auch bei normalem Blutdruck ?

 

Eine Forscher Gruppe aus Oxford (UK) hat Ergebnisse von 48 Studien zur medikamentösen Blutdruck-Senkung zusammenfassend analysiert. Mehr als 340.000 Patienten waren über rund 4 Jahre begleitet worden. Es wurde das Auftreten von Herz-Kreislauf-Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzschwäche u.a. dokumentiert. Für jede Abnahme des systolischen Blutdrucks um 5mmHg verringerte sich das Risiko von Kreislauf-Ereignissen um rund 10%. Erstaunlicherweise war dieser Nutzen unabhängig vom Ausgangs-Blutdruck der Patienten. Auch Patienten, die zu Studienbeginn einen normalen (bis 120mmHg) oder hoch-normalen (bis 130mmHg) systolischen Blutdruck aufwiesen, profitierten von einer weiteren medikamentösen Blutdruck-Senkung.  

  • The Lancet. VOLUME 397, ISSUE 10285, P1625-1636, MAY 01, 2021

Kommentar: In der oben beschriebenen Analyse wurden Nebenwirkungen aufgrund von Blutdruck-Medikamenten nicht systematisch berücksichtigt. Es ist also weiterhin der mögliche Nutzen einer blutdruck-senkenden Therapie gegenüber evtl. Risiken im individuellen Fall sorgfältig abzuwägen. Siehe auch den früheren HERZ-NEWS-Beitrag "Leitlinien zur Blutdruck-Einstellung leicht gemacht" im Abschnitt "Empfehlungen".


 

Blutdruck initial an beiden Armen messen

 

Aktuell wurden Studien mit insgesamt mehr als 53.000 Personen zusammenfassend analysiert, bei denen der Blutdruck initial an beiden Armen gemessen wurde. Je größer die Blutdruck-Differenz zwischen beiden Armen war, umso so größer war im Verlauf das Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall) und Sterblichkeit. Die Autoren schlagen vor, bereits eine Blutdruck-Differenz von mehr als 10mmHg zwischen beiden Armen als pathologisch zu werten.

  • Clark CE et al. Hypertension. 2021 Feb; 77(2): 650–661

Kommentar: Bei Erst-Untersuchungen sollte der Blutdruck an beiden Armen gemessen werden.  Weitere Messungen sollten an dem Arm mit dem höheren Blutdruck-Niveau erfolgen. Auch eine medikamentöse Therapie sollte sich an den Werten dieses Arms orientieren. In mehrjährigem Abstand empfehlen sich nochmalige beidseitige Blutdruck-Messungen, um evtl. Änderungen zu erfassen. Optimalerweise wäre eine simultane Messung an beiden Armen zwar wünschenswert, oft aber wenig praktikabel. In der o.g. Untersuchung waren die Messungen sequentiell an den Armen erfolgt. Ggf. kann bei auffälligen Befunden eine Wiederholungs-Messung zur Klärung beitragen. Bei deutlicher Blutdruck-Differenz empfiehlt sich ggf. auch eine weitere Abklärung, da pathologische Prozesse wie z.B. eine Verengung einer Arm-Arterie oder der Aorta zugrunde liegen können. 


 

Salz-Verzicht senkt jeden Blutdruck

 

Aktuell wurden die Ergebnisse mehrerer Studien mit insgesamt mehr als 10.000 Teilnehmern zusammenfassend ausgewertet, in denen der Einfluss des Salzkonsums auf den Blutdruck untersucht wurde. Dabei zeigte sich eine lineare Beziehung zwischen Salzkonsum und Höhe des Blutdrucks. Sowohl der systolische als auch der diastolische Blutdruck nahmen mit geringerem Salzkonsum ab. Dies konnte sogar bei Teilnehmern mit normalem Blutdruck nachgewiesen werden. Allerdings war der Effekt bei Patienten mit primär hohem Blutdruck ausgeprägter. 

  • Filippini T. Originally published15 Feb 2021 https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.120.050371Circulation 

Kommentar: Hoher Blutdruck gilt als wesentlicher Risikofaktor für Schlaganfälle, Demenz, Herzinfarkt, Herz- und Nierenschwäche. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine Kochsalz-Aufnahme von höchstens 6 Gramm täglich für Erwachsene. Tatsächlich liegt der durchschnittliche Konsum in Deutschland zwischen 8-10 Gramm täglich. Besonders viel Salz enthalten Brot, Wurst- und Fleisch-Produkte wie Kasseler, Salami, roher Schinken, aber auch Käsesorten wie Gorgonzola und Gouda. Auch Fertigprodukte wie Pizza und Konserven enthalten viel Salz. Neben einer Reduktion der genannten Nahrungsmittel sollte der Salzstreuer generell nur sparsam eingesetzt werden. 


 

Blutdruck: Patienten-Messung zuverlässig

 

In einer aktuellen Untersuchung wurden verschiedene Methoden zur Blutdruck-Messung bei 400 Personen miteinander verglichen. Die Teilnehmer hatten noch keine Blutdruck-Behandlung und auch keinen sehr hohen Blutdruck. Folgende Methoden zur Messung wurden eingesetzt.

  1.  Praxis-Messung (3 Termine)
  2.  Langzeit-Blutdruck-Messung über 24 Stunden
  3.  Patienten-Selbstmessung (Heim-Messung) über eine Woche (jeweils morgens und abends)

Im Ultraschall (Echo) wurde die Herzmuskel-Masse bestimmt. Diese nimmt bekanntermaßen bei längerfristig hohen Blutdruckwerten zu. Es zeigte sich, dass die Selbst-Messungen der Teilnehmer sogar etwas besser mit der Muskel-Masse übereinstimmten als die anderen Methoden zur Blutdruck-Messung.  

  • Schwartz J et al. J Am Coll Cardiol. 2020 Dec, 76 (25) 2911–2922

Kommentar: Die Untersuchung spricht dafür, Ergebnisse von Patienten-Selbstmessungen angemessen in die Diagnose und Therapie von hohem Blutdruck einzubinden. Es sollte bedacht werden, dass die genannten Verfahren ganz unterschiedliche Situationen reflektieren. So ist ein Problem der Praxis-Messung der häufig beobachtete "Weißkittel-Effekt". Hier sind die Langzeit-Messung und/oder Heim-Messung sinnvolle Ergänzungen. Während die Praxis- und Heim-Messungen nur in Ruhe, im Sitzen und zu wenigen Zeitpunkten stattfinden, kann die Langzelt-Messung über 24 h den Blutdruck im Tages- und Nacht-Verlauf, bei unterschiedlichen Körper-Positionen und Aktivitäts-Graden sowie zu zahlreichen Zeitpunkten erfassen. Es handelt sich also nicht um konkurrierende sondern sich sinnvoll ergänzende Verfahren zur Blutdruck-Messung.


 

Gefahr bei nächtlichem Blutdruck-Anstieg

 

In einer aktuellen japanischen Studie wurde bei mehr als 6300 Patienten eine Langzeit-Blutdruck-Messung über 24 Stunden durchgeführt. Danach wurden die Patienten über 4,5 Jahre (Median) im Rahmen der Studie begleitet. Patienten mit nächtlichem Anstieg des systolischen Blutdrucks hatten im Verlauf ein etwa 1,5-fach höheres Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall und ein etwa 2,5-fach höheres Risiko für die Entwicklung einer Herzschwäche im Vergleich zu Patienten ohne nächtlichen Blutdruck-Anstieg. 

  • Kario K et al. Circulation; Nov 2020. https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.120.049730  

Kommentar: Die Untersuchungen unterstreichen nochmals die Bedeutung von Langzeit-Blutdruck-Messungen über 24 Stunden. Während normalerweise der Blutdruck in den Nachtstunden abfällt ("Dipping"), besteht ein erhöhtes Risiko bei fehlenden Blutdruckabfall ("Non-Dipping") oder, wie in der aktuellen Studie, einem Ansteigen des Blutdrucks. Nicht selten lassen sich besondere Hochdruck-Ursachen (z.B. gestörte Nieren-Durchblutung, Schlafapnoe u.a.) bei diesen Patienten nachweisen. Die Therapie muss dem individuellen Blutdruck-Profil angepasst werden. 


 

Blutdruck-Messung - Hat das Warten ein Ende?

 

Allgemein wird vor einer Blutdruck-Messung eine Wartezeit von 5 Minuten empfohlen. In einer aktuellen Untersuchung wird diese Empfehlung teilweise in Frage gestellt. Bei 113 Erwachsenen wurde der Blutdruck (automatische Messung) nach einer Wartezeit von entweder 0 Minuten, 2 Minuten oder 5 Minuten gemessen. Bei allen Teilnehmern erfolgte dann eine 2. Messung jeweils 5 Minuten nach der ersten Messung. Für Patienten mit einem systolischen Blutdruck unter 140mmHg bei der ersten Messung ergab sich bei der 2. Messung kein wesentlicher Unterschied, unabhängig von der Wartezeit bei der ersten Messung. Wenn der erste Blutdruck über 140mmHg lag, zeigten sich schon etwas größere Abweichungen bei der zweiten Messung (mehr als 2mmHG).

  • Brady T Hypertension 2020 Scientific Sessions: Abstract P154. Presented September 10, 2020
  • Brooks M  - Medscape - Sep 11, 2020

Kommentar: Zumindest im oft hektischen Betrieb einer Notaufnahme scheint der ohne Wartezeit gemessene Blutdruck ausreichend zu sein, wenn er unter 140mmHg liegt. Bei erhöhten Werten empfiehlt sich eine weitere Messung nach z.B. 5 Minuten Wartezeit. Für eine genauere Blutdruck-Einstellung im Praxis-Betrieb können dagegen auch kleinere Abweichungen von Bedeutung sein. Allerdings ist fraglich, wie repräsentativ die in "Tiefen-Entspannung" gemessenen Werte für den Tagesablauf eines Durchschnitts-Menschen sind. Für eine definitive Antwort wäre eine etwas umfangreichere Studie wünschenswert.  


 

Nasenbluten häufiger und schwerer bei Bluthochdruck

 

In einer koreanischen Studie mit mehr als 70.000 Teilnehmern (je zur Hälfte mit hohem Blutdruck oder ohne hohen Blutdruck) wurde der Zusammenhang zwischen Nasenblutungen und Blutdruck-Lage näher untersucht. Es zeigte sich, dass das Risiko für Nasenbluten bei Patienten mit hohem Blutdruck etwa um das 1,5-fache erhöht war. Im Falle einer Nasenblutung hatten Patienten mit hohem Blutdruck auch ein 2,7-fach höheres Risiko für eine stationäre Notaufnahme-Behandlung. Die Notwendigkeit einer sog. hinteren Nasen-Tamponade zur Blutstillung war bei Hochdruck-Patienten sogar um das 4,6-fache erhöht. 

  • Byun H et al. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg. Published online September 10, 2020. doi:10.1001/jamaoto.2020.2906

Kommentar: Die Ergebnisse belegen überzeugend, dass nicht nur das Risiko für das Auftreten einer Nasenblutung bei Hochdruck-Patienten erhöht ist. Auch die Schwere der Blutung war bei Hochdruck-Patienten deutlich ausgeprägter. Eine Nasenblutung sollte immer Anlass für eine Überprüfung und ggf. Einstellung des Blutdrucks sein. Hochdruck-Patienten sollten insbesondere über das Risiko eines schweren Verlaufs mit stationärer Behandlung und invasiven Blutstillungs-Maßnahmen (hintere Nasen-Tamponade) informiert sein und entsprechend frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. 


 

Paradoxe Reaktion bei intensiver Blutdruck-Senkung?

 

Als mögliches Risiko einer intensiven Behandlung mit Blutdruck-Senkern gilt die Neigung zu einer sog. Orthostatischen Hypotonie (OH). Hierbei kommt es beim Wechsel vom Liegen/Sitzen zum Stehen zu einem deutlichen Blutdruck-Abfall mit der Gefahr von kurzen Ohnmachts-Anfällen. Im Allgemeinen wird eine Orthostatische Hypotonie angenommen, wenn der systolische Blutdruck beim Lage-Wechsel um mehr als 20mmHg und/oder der diastolische Blutdruck um mehr als 10mmHg abfällt.  

Eine aktuelle zusammenfassende Analyse mehrerer Studien, in denen eine intensive Blutdruck-Senkung mit einer weniger intensiven Blutdruck-Senkung verglichen wurde, bestätigt diese Befürchtung aber nicht. Im Gegenteil, die Neigung zum Auftreten einer OH im Stehen nahm sogar um 7% in den Behandlungs-Gruppen mit intensiver Blutdruck-Senkung ab. Dieses scheinbar paradoxe Ergebnis wird von den Autoren damit erklärt, dass eine verbesserte Blutdruck-Einstellung  die Blutdruck-Regulation insgesamt und damit auch die Blutdruck-Reaktion beim Lage-Wechsel vom Sitzen zum Stehen verbessern könnte. Die Ergebnisse sprechen nach Meinung der Autoren für eine auch intensive Behandlung mit Blutdruck-Senkern, um ein möglichst optimales Blutdruck-Ziel zu erreichen.

  • Juraschek S et al. Annals of internal Medcine. https://doi.org/10.7326/M20-4298 

Kommentar: Einschränkend ist zu bedenken, dass Patienten in klinischen Studien im Allgemeinen sehr gut überwacht werden, sodass fraglich ist, ob die o.g. Ergebnisse und Annahmen auch unter Alltags-Bedingungen zutreffen. Leider wird in dem Artikel auch nicht über die Häufigkeit von Ohnmachts-Anfällen berichtet. In jedem Fall sind bei Änderungen der Blutdruck-Therapie  sorgfältige und engmaschige  Blutdruck-Kontrollen durch Eigen-Messungen der Patienten, Praxis-Messungen und ggf. auch Langzeit-Blutdruck-Messungen zu empfehlen.  


 

Demenz-Risiko durch Blutdruck-Abfall im Stehen?

 

Ein leichter Blutdruckabfall beim Wechsel vom Sitzen/Liegen zum Stehen ist normal und verursacht in der Regel keine Beschwerden. Bei einigen Patienten kann es jedoch zu einem ausgeprägten Blutdruckabfall (Orthostatische Hypotonie) kommen. Dies kann Beschwerden wie Schwindel oder vorübergehende Ohnmacht verursachen. In einer aktuellen Studie wurde bei mehr als 2100 Patienten der Zusammenhang zwischen Blutdruckabfall im Stehen und späterer Demenz-Entwicklung untersucht. Eine pathologische Blutdruck-Reaktion wurde bei einem Abfall des oberen (systolischen) Blutdruck-Wertes von mindestens 15 mmHg oder des unteren (diastolischen) Wertes von mindestens 7 mmHg beim Wechsel vom Sitzen zum Stehen angenommen. Patienten, die bei wiederholten Messungen häufig (mehr als ein Drittel der Messungen) einen pathologischen Abfall des oberen (systolischen) Blutdruckwertes aufwiesen, hatten über einen Zeitraum von 17 Jahren ein 37% höheres  Demenzrisiko. Für den Abfall des unteren (diastolischen) Blutdruckwertes fand sich keine entsprechende Risiko-Erhöhung.  

  • Rouch L et al. Neurology First published July 20, 2020, DOI: https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000010420 

Kommentar: Neben dem Risiko von Ohnmachts-Anfällen mit möglichen ernsten Verletzungs-Folgen, scheinen auch langfristige Beeinträchtigungen der Hirnfunktion durch eine sog. orthostatische Hypotonie möglich zu sein. Es sollte daher sorgfältig die Blutdruckreaktion auch bei Lagewechsel überprüft werden. Nicht selten sind Medikamente gegen hohen Blutdruck für einen überschießenden Blutdruck-Abfall nach dem Aufrichten mitverantwortlich und sollten dann entsprechend angepasst werden. 


 

Blutdruck-Senker nicht generell abends einnehmen !

 

Kürzlich hatte eine Studie Aufsehen erregt (HYGIA-Studie; siehe auch früherer Beitrag in HERZ-NEWS), in der prinzipiell die abendliche Einnahme der gesamten Blutdruck-Medikamente nahegelegt wurde. Die Studie bzw. die daraus abgeleiteten Empfehlungen hatten für viel Verunsicherung bei Patienten und behandelnden Ärzten gesorgt. In einem aktuellen Newsletter in Zusammenarbeit mit dem Bund Niedergelassener Kardiologen werden die zahlreichen wissenschaftlichen Mängel dieser Studie aufgeführt. Es wird dringend davon abgeraten, die gesamte Blutdruck-Medikation generell am Abend einzunehmen. Insbesondere wird auf die möglichen Gefährdungen bei einer zu starken nächtlichen Blutdruck-Absenkung für Herz, Gehirn und Sehkraft hingewiesen.   

  • Middecke M, Praktische Kardiologie, 23. Jahrgang 2020, Nr. 11

Kommentar: Insbesondere für Patienten, die mehrere Medikamente zur Blutdruck-Einstellung benötigen, kann mit einer nur einmal täglichen Einnahme oft keine gute Einstellung "rund um die Uhr" erreicht werden. Vielmehr ist, wie oben ausgeführt, durchaus eine Gefährdung durch eine zu starke nächtliche Blutdruck-Senkung möglich. Häufig ist die Aufteilung auf zwei oder mehr Einnahme-Zeitpunkte im Tagesverlauf zu bevorzugen. Auch muss das spezifische Wirkprofil der verwendeten Stoffklassen berücksichtigt werden. Sowohl die Auswahl der verwendeten Medikamente als auch die Dosierung und die Einnahme-Zeitpunkte müssen an das Blutdruck-Profil des individuellen Patienten angepasst werden. Hierzu sind regelmäßige und sorgfältige Kontrollen durch Praxis-Messungen, Eigen-Messungen des Patienten und auch 24-Stunden-Blutdruck-Messungen erforderlich. Die Blutdruck-Einstellung gestaltet sich oft langwierig und erfordert Geduld von Patienten und Ärzten, belohnt aber langfristig durch die Vermeidung von Gefäß-Komplikationen wie Schlaganfall und Herzinfarkt.


 

Seltener Grippe mit Blutdruck-Senkern

 

Influenza A-Viren benutzen (ähnlich wie Corona-Viren) den sog. ACE2-Rezeptor als Eintrittspforte in die Körper-Zellen. Auch einige Blutdruck-Mittel wie ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB) interagieren mit diesem Rezeptor. In einer aktuellen Analyse von 5,7 Millionen Einwohnern aus Groß-Britannien hatten Personen, die mit ACE-Hemmern behandelt wurden, im Verlauf von 8,6 Jahren ein 34% geringeres Risiko, an Grippe zu erkranken. Je länger die Einnahme dauerte, umso geringer war das Risiko. Ähnliches galt auch für Angiotensin-Rezeptorblocker (ARBs). 

  • Chung SC et al. NEJM, May 8, 2020 DOI: 10.1056/NEJMc2005396
  • Hughes S, Medscape Medical News, 13.5.2020

Kommentar: Die vergleichbare Interaktion von Influenza A-Viren und Corona-Viren mit dem ACE2-Rezeptor lässt daran denken, dass die genannten Medikamente auch vor einer Corona-Erkrankung schützen könnten. In mehreren großen Beobachtungs-Studien (siehe vorheriger Beitrag:" Blutdruck-Senker rehabilitiert") hatte sich aber kein wesentlicher Einfluss dieser Präparate nachweisen lassen. Da die Medikamente häufig auch bei Patienten mit manifester Herzerkrankung, insbesondere Herzschwäche, eingesetzt werden, könnte der oben beschriebene positive Effekt auf eine konsequentere Teilnahme an Grippe-Schutzimpfungen zurückzuführen sein. Zumindest ergeben sich erneut keine Anhaltspunkte für einen nachteiligen Einfluss dieser Arzneimittel.  


 

Blutdruck-Senker rehabilitiert

 

Einige Blutdruck-Senker wie sog. ACE-Hemmer und Sartane interagieren mit dem Rezeptor auf Körperzellen, der von Corona-Viren als Eintrittspforte in das Zellinnere benutzt wird. Es war daher von einigen Forschern spekuliert worden, dass die Einnahme der Medikamente sich ungünstig im Rahmen der Corona Pandemie auswirken könnte. Die große Mehrheit von Forschern und Fachgesellschaften hatte bereits davor gewarnt, diese Medikamente vorschnell abzusetzen (siehe auch frühere Beiträge in HERZ-NEWS weiter unten). Aktuell liegen jetzt 4 große Beobachtung-Studien mit jeweils mehreren tausend Patienten vor, in denen insgesamt kein erhöhtes Risiko bei Einnahme der genannten Medikamente festgestellt werden konnte. Dies betraf sowohl das Risiko für eine Infektion mit Corona-Viren als auch die  Schwere des Krankheits-Verlaufs und das Sterberisiko. 

  • Jarcho JA et al. N Engl J Med 2020; DOI:10.1056/NEJMe2012924
  • Mancia G et al. N EnglJ Med 2020; DOI: 10.1056/NEJMoa2006923
  • Reynolds HR et al. N EnglJ Med 2020; DOI: 10.1056/NEJMoa2008975
  • Mehra M et al. N Engl J Med 2020; DOI:10.1056/NEJMoa2007621
  • Mehta N et al. JAMA Cardiology, published online 5. 5.2020
  • Hughes S, Medscape Medical News 5.5.2020
  • Schlimpert V, Kardiologie.org 4.5.2020 

Kommentar: Die übereinstimmenden Resultate der o.g. Beobachtungs-Studien lassen keine Gefährdung durch ACE-Hemmer bzw. Sartane im Rahmen einer Corona-Infektion erkennen. 


  

Weniger Demenz mit Blutdruck-Senkern

 

In einer zusammenfassenden Analyse mehrerer Studien mit über 31.000 Patienten wurde der Einfluss  Blutdruck-senkender Medikamente auf das spätere Demenz-Risiko ermittelt. Die Teilnehmer im Alter von mehr als 55 Jahren wurden über einen Zeitraum von 7-22 Jahren beobachtet. Hochdruck-Patienten mit medikamentöser Behandlung  hatten ein 12% geringeres Risiko für eine spätere Demenz und ein 16% geringeres Risiko für die sog. Alzheimer-Demenz. Der günstige Effekt war unabhängig von spezifischen Hochdruck-Medikamenten.  

  • Ding J et al. Lancet Neurol. 2020;19(1):61-70. doi: 10.1016/S1474-4422(19)30393-X.
  • Herz heute 2/2020 

Kommentar: Wie die Vermeidung von Herzinfarkten und Schlaganfällen ist auch das geringere Demenz-Risiko allgemein als Folge einer medikamentösen  Blutdruck-Einstellung anzusehen, und zwar unabhängig von den jeweils eingesetzten Blutdruck-Mitteln (siehe auch Beitrag weiter unten: "Blutdruck senken - egal wie".


 

Bluthochdruck erhöht Risiko bei Corona-Infektion     

 

In einer weiteren Studie aus Wuhan (China) litten 362 von 1178 Corona-Patienten an hohem Blutdruck. Patienten mit hohem Blutdruck hatten im Verlauf eine etwa 3 x so hohe Sterblichkeit wie Patienten ohne hohen Blutdruck  (21,3 gegenüber 6,5%). Die Behandlung  mit sog. ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptor-Blockern (ARB) hatte keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf oder die Sterblichkeit.   

  • Li J. et al. JAMAc ardiol published online April23,2020.doi:10.1001/jamacardio.2020.162453
  • Hughes S. Medscape Medical News, 23.4.2020 

Kommentar: Die jetzt vorliegenden konkreten Daten bestätigen, dass Patienten mit hohem Blutdruck im Rahmen einer Corona-Infektion besonders gefährdet sind. Wie auch Patienten mit Diabetes oder Übergewicht bedürfen Sie der besonderen Beobachtung. Bei Patienten mit den genannten Risikofaktoren ist das Vorliegen einer Vorschädigung des Blutgefäß-Systems anzunehmen, sodass die durch SARS-CoV-2 verursachte Gefäß-Entzündung sich hier besonders ungünstig auswirkt. Erneut fand sich kein nachteiliger Einfluss von Blutdruck-senkenden Medikamenten wie  ACE-Hemmern oder ARBs. 


 

Blutdruck-Senker bessern Prognose von Corona-Patienten

 

In den vergangenen Wochen hatte es Diskussionen über einen möglichen schädlichen Einfluss bestimmter Blutdruck-Senker bei Patienten mit  Corona -Infektion gegeben (siehe auch Beitrag weiter unten). Es handelt sich bei diesen Medikamenten um die sog. ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB). Diese Arzneimittel werden sehr häufig bei Patienten mit Bluthochdruck oder  Herzschwäche eingesetzt. Die kritischen aber bisher nur spekulativen Einwände hatten ein großes Echo in der Fach- und in der Laienpresse hervorgerufen. Alle namhaften Fachgesellschaften wie die amerikanische und europäische Herz-Gesellschaft und die Hochdruck-Liga  hatten daraufhin aufgrund fehlender wissenschaftlicher Beweise davor gewarnt, die Medikamente abzusetzen. Nun liegen erstmals konkrete Daten vor, die sogar einen günstigen Einfluss dieser  Medikamente bei Corona-Infizierten nahelegen. Chinesische Forscher  hatten 188 Patienten  mit hohem Blutdruck ausgewählt, die mit o.g. Medikamenten behandelt wurden. Sie haben den Verlauf dieser Patienten  einer vergleichbaren Gruppe von Hochdruck-Patienten  gegenübergestellt, die nicht mit diesen Medikamenten  behandelt wurden. Im Verlauf von 4 Wochen waren 4% der Patienten mit und 10% der Patienten ohne die genannten Medikamente verstorben.

 

Quelle: Zhang P et al. Circ Res. 2020 April 17. doi: 10.1161/CIRCRESAHA.120.317134.

Zoler M. Medscape Medical News, 22.4.2020

 

Kommentar: Diese ersten konkreten Ergebnisse bestätigen die Empfehlungen der Fach-Gesellschaften zum Umgang mit den genannten Medikamenten im Rahmen der Corona-Pandemie. Patienten sollten also ihre Medikation in jedem Fall unbesorgt weiternehmen.  Ein Absetzen sollte nur aus triftigen Gründen in  Absprache mit den behandelnden Ärzten erfolgen. Selbstverständlich wird das Thema weiterhin Gegenstand der klinischen Forschung sein, wünschenswert wären insbesondere prospektiv- randomisierte Studien.


 

Erhöhen Blutdruck-Medikamente das Risiko bei Corona-Infektionen?

 

In Fach-Zeitschriften und in der  Laienpresse ist in den vergangenen Tagen über den möglichen  Einfluss bestimmter Medikamente  im Zusammenhang mit Coronavirus-Infektionen berichtet worden.

 

Betroffene  Medikamente

Bei den Medikamenten handelt es sich vornehmlich um die sehr häufig verordneten sog. ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptor-Blocker ( Sartane). ACE-Hemmer und Sartane werden standardmäßig bei hohem Blutdruck oder Herzschwäche eingesetzt.

 

Mögliche Interaktion von Medikamenten mit Corona-Infektionen

Corona-Viren (SARS-CoV2) benutzen das Eiweiß ACE-2 (Gegenspieler von ACE),  das sich auf der Oberfläche vieler Körperzellen (auch Lungenzellen) befindet, um wie mit einem Schlüssel in die Körperzellen einzudringen. Medikamente wie ACE-Hemmer oder Sartane erhöhen die Menge von ACE-2  und könnten so theoretisch die Infektion von Zellen begünstigen. ACE-2 liegt aber auch in gelöster  Form im Blut vor. Eine Zunahme dieser gelösten Form von ACE-2 im Blut wirkt der Virus-Infektion von Zellen entgegen. Ob die  Erhöhung von ACE-2 in der Summe die Infektion eher verstärkt oder abschwächt, ist nicht geklärt. 

 

Nutzen der Medikamente belegt

Gegenüber den o.g. Spekulationen ist der große Nutzen dieser Medikamente bei hohem Blutdruck oder Herzschwäche sowie bei Patienten mit akutem Lungenversagen vielfach belegt.

 

Stellungnahme der  Deutschen Hochdruckliga

Laut einer Stellungnahme der Deutschen Hochdruckliga  rechtfertigt die derzeitige Datenlage kein Absetzen der Medikamente. Insbesondere wird vor dem Absetzen oder einer Dosis-Reduktion ohne vorherige Absprache  mit dem behandelnden Arzt gewarnt. Ein unkontrolliertes Absetzen der Medikamente könnte erhebliche Verschlechterungen der Blutdruck-Einstellung mit dem Risiko von Schlaganfällen oder eine Verschlechterung der Herzleistung zur Folge haben.

 

Auch für das Schmerzmittel Ibuprofen und bestimmte Diabetes-Medikamente (Glitazone) wird über vergleichbare Interaktionen berichtet.

Quelle: www.hochdruckliga.de/alle-pressemeldungen. Htlm

Fang L et al. Lancet Resp Med March 11, 2020 .

 

Kommentar:  Bei Vorliegen weiterer Erkenntnisse oder Empfehlungen zu diesem Thema  wird HERZ-NEWS erneut berichten.


 

Blutdruck senken – egal wie

 

Hoher Blutdruck gilt als wesentlicher Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Komplikationen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Als Blutdrucksenker stehen verschiedene Medikamente mit unterschiedlichen Wirkungs-Mechanismen zur Verfügung. In einer aktuellen zusammenfassenden Analyse (Meta-Analyse) wurden die Ergebnisse von 46 randomisierten Studien mit nahezu 250.000 Patienten ausgewertet. In den Studien war jeweils ein Blutdruck-Medikament im Vergleich zu Placebo (Schein-Medikament) getestet worden. Als Blutdruck-Senker kamen üblicherweise eingesetzte Medikamente wie Calcium-Antagonisten, ACE-Hemmer, Angiotensin-Rezeptor-Blocker, Beta-Blocker und Thiazid-Diuretika zum Einsatz. 

Ergebnisse

Insgesamt waren bei Behandlung mit Blutdruck-Senkern 30% weniger kardiovaskuläre Ereignisse (Tod, Herzinfarkt, Schlaganfall, Eingriffe zur Durchblutungs-Verbesserung), 20% weniger Todesfälle und 35% weniger Schlaganfälle aufgetreten. Es zeigte sich, dass der günstige Effekt der Medikamente vom Ausmaß der Blutdruck-Senkung abhing, und zwar weitgehend unabhängig von der Art des eingesetzten Medikamentes. Lediglich bei der Verhinderung von Herzinfarkten waren ACE-Hemmer besonders effektiv.  Bei Einsatz von Thiazid-Diuretika wurden insbesondere Durchblutungs-fördernde Eingriffe (z.B. Stent oder Bypass-Op) vermieden.

Quelle: Wei J et al. 2020. JAMA network open

 

Kommentar: Die Analyse belegt den großen Nutzen einer Therapie mit Blutdruck-Senkern. Auch zeigt sich, dass es weniger auf die Einnahme eines spezifischen Medikamentes ankommt. Letztlich ist das erreichte Ausmaß der Blutdrucksenkung für die Verhinderung von kardiovaskulären Komplikationen verantwortlich. Dennoch müssen bei der Medikamenten-Wahl Wirkungs- und Nebenwirkungsprofile sowie die individuellen Besonderheiten des einzelnen Patienten berücksichtigt werden. So können z.B. Beta-Blocker bei Patienten mit hoher Herzfrequenz von Vorteil sein, während sie bei Patienten mit ohnehin schon langsamer Herzfrequenz weniger geeignet sind.


 

Langzeit-Blutdruck-Messung zur Therapie-Kontrolle geeignet

 

Hoher Blutdruck gilt als Risikofaktor für die Entstehung von Schlaganfällen, Herzinfarkten und dadurch bedingten Todesfällen und wird dem entsprechend, häufig auch medikamentös, behandelt. Ob eine ausreichende Absenkung des Blutdrucks erreicht ist, wird neben Selbst-Messungen der Patienten üblicherweise durch Blutdruck-Messungen in der Sprechstunde oder mit Hilfe von Langzeit-Blutdruck-Messungen über 24 Stunden festgestellt. In der aktuellen Studie wurde untersucht, ob Blutdruck-Kontrollen in der Sprechstunde oder die Langzeit-Blutdruck-Messung über 24 Stunden besser geeignet ist, eine gute Blutdruck-Einstellung zu erfassen. Dazu wurden mehr als  11.000 Patienten über einen Zeitraum von nahezu 14 Jahren beobachtet. In diesem Zeitraum erlitten etwa 4900 Teilnehmer ein sog. kardiovaskuläres Ereignis (meist Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod). Das Risiko für einen solchen ungünstigen Verlauf konnte am besten mit dem Ergebnis der 24 Stunden-Blutdruck-Messung und insbesondere dem nächtlichen Blutdruck vorhergesagt werden.

Quelle: Yang WY et al. JAMA 2019;322(5):409-420

 

Kommentar: Die Ergebnisse belegen  den großen Stellenwert von Langzeit-Blutdruck-Messungen zur Therapie-Kontrolle. Gerade die nächtlichen Blutdruck-Werte  entgehen den üblichen Selbstmessungen des Patienten und auch den Sprechstunden-Messungen.


  

Blutdruck-Medikamente am Morgen oder am Abend einnehmen?

 

Eine Therapie mit Blutdruck-senkenden Medikamenten kann bei Personen mit hohem Blutdruck ernste Komplikationen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall verhindern. Über den optimalen Zeitpunkt für die Einnahme der Medikamente besteht allerdings Unsicherheit. Dieser Frage ging man in einer großen spanischen Studie mit mehr als 19.000 Personen nach. Die Studien-Teilnehmer nahmen randomisiert (zufallsmäßige Zuteilung, wie beim Werfen einer Münze) regelmäßig über einen Zeitraum von ca. 6 Jahren ihre Blutdruck-Medikamente entweder am frühen Morgen nach dem Aufwachen oder am Abend ein. Es fanden sich im Verlauf nicht nur bessere Blutdruck-Werte, insbesondere in der Nacht, sondern insgesamt auch weniger Todessfälle (relativ -56%), Herzinfarkte(-34%) und Schlaganfälle (-49%) bei den Patienten mit abendlicher Medikamenten-Einnahme.                                                                                                                                                   Quelle: Hermida R et al. European Heart Journal, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehz754

 

Kommentar: Die Ergebnisse dieser Untersuchung deuten auf den großen Stellenwert einer ausreichenden Blutdruck-Absenkung auch in den Nachtstunden.  Neben anderen Kritik-Punkten  kann die Studie aber nicht  klären, ob die in der Praxis verbreitete, über den Tag verteilte  Medikamenten-Gabe,  z.B. am Morgen und am Abend, nicht vorteilhafter wäre. Es sollte daher keine voreilige unkritische Umstellung der Medikation allein aufgrund dieser Studien-Ergebnisse erfolgen. Es empfiehlt sich immer, die Blutdruck-Einstellung sorgfältig entsprechend dem Ergebnis von Blutdruck-Kontrollen, insbesondere Langzeit-Blutdruck-Messungen, anzupassen. Aber auch spezifische Besonderheiten des Wirkungs-Profils der einzelnen Medikamente sind dabei zu berücksichtigen.  So kann z.B. die abendliche Einnahme von harntreibenden Blutdruck-Senkern den Nachtschlaf empfindlich stören.


 

Grippe-Impfung  jetzt auch bei hohem Blutdruck?

 

Bisher wird eine Grippe-Impfung ab einem Alter von 60 Jahren oder bei Vorliegen von chronischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, empfohlen. Ein hoher Blutdruck allein galt bisher nicht als Indikation für die Impfung.

 

In Dänemark wurden von 2007 bis 2016  mehr als 600.000  Einwohner in ein Register aufgenommen.  Es wurden dann alle Teilnehmer  mit hohem Blutdruck ausgewählt,  solche  mit  schweren chronischen Erkrankungen nahmen nicht an der Studie teil.  Bei den Teilnehmern mit hohem Blutdruck wurde das Sterbe-Risiko in den Wintermonaten erfasst.  Diejenigen, die  gegen Grippe geimpft waren, hatten  relativ ein um 18 Prozent geringeres  Sterberisiko als Teilnehmer  ohne Impfung.  Auch traten nach Impfung etwa 10% weniger Todesfälle an Herzinfarkt oder Schlaganfall auf. Über die Gründe für diesen Effekt der Grippe-Impfung kann bisher nur spekuliert werden. 

Modin D et al. The flu vaccine and mortality in hypertension. A Danish nationwide cohort study, Abstract 1347.  EuropeanSociety of Cardiology (ESC) 2019,  Paris.

 

Kommentar:  Hoher Blutdruck ist ein wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung von Gefäß-Verkalkungen (Atherosklerose). Es ist anzunehmen,  dass ein größerer Anteil der Teilnehmer bereits an solchen chronischen, bisher nicht erkannten, Gefäß-Veränderungen litt.  Entzündungs-Prozesse, wie sie mit einer Grippe einhergehen,  können bei Vorliegen einer Atherosklerose die Stabilität der Gefäßwand schwächen und auf diesem Weg zu Herzinfarkten / Schlaganfällen führen. Die Impfung könnte sich durch eine Vermeidung oder zumindest Abschwächung  von entzündlichen Veränderungen  günstig ausgewirkt haben. Es bleibt abzuwarten, wie die ständige Impfkommission  die Ergebnisse bewertet und in ihren  Empfehlungen berücksichtigt. 


 

Beeinflusst die genetische Veranlagung für Cholesterin- und Blutdruck-Werte das kardiovaskuläre Lebenszeit-Risiko ?

 

Genetisch bedingte Unterschiede wirken sich lebenslang aus. Wie wirken sich genetisch bedingte Unterschiede aus, wenn sie die Höhe des Cholesterin-Spiegels und /oder den Blutdruck betreffen ? Dieser Frage gingen Forscher in Cambridge (UK) nach. Anhand der Daten von fast 440.000 Tausend UK-Bürgern konnte gezeigt werden, dass bestimmte genetische Varianten mit einem um 14 mg/dl niedrigeren LDL-Cholesterin und um etwa 3 mmHG niedrigeren systolischen Blutdruck verbunden sind. Dies führte im Langzeit-Verlauf zu einem um fast 40% geringeren Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (Tod, Schlaganfall u.a.). Teilnehmer mit einem um etwa 40 mg/dl niedrigeren LDL-Cholesterin und zusätzlich einem um 10 mmHg niedrigeren systolischen Blutdruck hatten ein um fast 80% geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Komplikationen.

Quelle: Ference B et al. JAMA September 2019

 

Kommentar: Genetisch bedingt niedrigere LDL-Cholesterin- und Blutdruck-Werte wirken sich lebenslang aus und sind mit einem deutlich niedrigeren Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen (Herzinfarkt, Schlaganfall u.a.) verbunden. Die Befunde bestätigen noch einmal eindrucksvoll die große Bedeutung von LDL-Cholesterin und Blutdruck als Risiko-Faktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Studie verdeutlicht aber auch das große Potential, das mit niedrigeren LDL-Cholesterin- und Blutdruck-Werten verbunden ist. Auch diejenigen, die aufgrund nicht so günstiger genetischer Voraussetzungen ein erhöhtes Risiko tragen, können also durch entsprechende Beeinflussung des Lebensstils und / oder medikamentöse Maßnahmen das Lebenszeit-Risiko erheblich vermindern.


 

Leitlinien-Empfehlungen zur Blutdruck-Einstellung leicht gemacht

 

In den vergangenen Jahren sind wiederholt unterschiedliche Empfehlungen zu Grenzwerten für die Blutdruckeinstellung diskutiert worden.  Im Folgenden werden die  Grenzwerte auf Basis der aktuellen Leitlinie vereinfacht dargestellt. 

 

Als wichtigste "Faustregel" bleibt es bei 140 / 90 mmHG  für die Blutdruck-Grenzwerte, d.h.

1.) bei höheren Werten sollte eine Behandlung eingeleitet werden und

2.) im Falle einer Behandlung sollten die erreichten  Werte darunterliegen.   

Im nächsten Schritt sollte bei guter Verträglichkeit die Therapie in Abhängigkeit vom Patienten-Alter  weiter intensiviert werden. Es gelten dann folgende Zielwerte:

 -   Bei Patienten-Alter über  65 Jahre:  Ziel-Blutdruck  unter 140 / 80  mmHG

 -   Bei Patienten-Alter unter 65 Jahre:  Ziel-Blutdruck  unter 130 / 80  mmHg

 -   Für alle Patienten gilt  eine  Blutdruck-Untergrenze  von   120/ 70  mm Hg,                                     die möglichst nicht unterschritten werden sollte.

Wichtige Ausnahme:  Bei einem Patienten-Alter über 80 Jahren sollte erst ab einem Blutdruck von 160 / 90 mmHG eine Behandlung eingeleitet werden.

Quelle: ESC/ESH guidelines for the management of arterial hypertension. EurHeart J 2018; 39 (33):3021

 

Kommentar: Der  Blutdruck-Korridor sollte immer mit  dem behandelnden Arzt festgelegt und die Therapie entsprechend ausgewählt werden. Besondere, hier nicht erwähnte Ausnahme-Situationen, können abweichende Zielwerte rechtfertigen.


 

Berührungslose Blutdruckmessung  per Handy

 

Kanadische Forscher haben eine Software entwickelt, mit der die optischen Sensoren der Smartphones  Blutfluss-Muster der Gesichtshaut erkennen und  daraus den Blutdruck  berechnen können. Mit dieser neuen, als "Transdermal Optical Imaging" bezeichneten, Methode konnten sowohl der systolische als auch der diastolische Blutdruck mit einer Genauigkeit von etwa 95% im Vergleich zu einer herkömmlichen Blutdruck-Messung  bestimmt werden.  Sollten weitere Teste positiv verlaufen, stünde demnächst eine sehr bequeme und berührungslose Methode der Blutdruck-Messung zur Verfügung.

Quelle: Luo H et al.  Circ cardiovasc Imaging 2019; doi.org /10,1161/circimaging.119.008857

 

Kommentar: Diese Technologie würde die Blutdruck-Messung erheblich erleichtern. Blutdruck-Patienten könnten über ein kurzes "Selfie" ihren Blutdruck kontrollieren. Es ist zu erwarten, dass sich dadurch die Blutdruck-Einstellung von Hochdruck-Patienten verbessern lässt. Auch in der Klinik, insbesondere im Bereich der Intensivmedizin oder während Narkosen hätte die berührungslose Technologie Vorteile. Auch könnte eine kontinuierliche Blutdruck-Messung erfolgen.  


 

Welcher Blutdruck-Wert ist wichtig: der Obere oder der Untere?

 

Häufig wird die Frage erörtert, welcher Blutdruck-Wert wichtiger ist: der Obere (systolisch) oder der Untere (diastolisch). Um diese Frage zu beantworten, wurden die Blutdruckwerte bei mehr als 1,3 Millionen Patienten während einer etwa 10-jährigen Beobachtungs-Studie im Hinblick auf das Risiko für kardiovaskuläre  Ereignisse (Herzinfarkt oder Schlaganfall) untersucht.  Sowohl ein systolischer Blutdruck über 140 mmHg als auch ein diastolischer Blutdruck über 90 mmHg war mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme   verbunden.  Auch bei tieferen Grenzwerten (130/80 mmHg) zeigte sich ein ähnliches Ergebnis.  Allerdings war das Risiko größer bei erhöhtem systolischen Blutdruck, im Vergleich zu erhöhtem diastolischen Blutdruck.  Auch Patienten mit einem geringen diastolischen Blutdruck hatten ein erhöhtes Risiko.

Quelle: Flint AC et al. NEJM 2019; 381: 243-251

 

Kommentar: Damit ist belegt, dass bei der  Behandlung von hohem Blutdruck sowohl auf den oberen (systolischen) als auch den unteren (diastolischen) Wert  geachtet werden muss.  Allerdings war das Risiko größer, wenn der obere Blutdruckwert (systolisch) erhöht war. Das erhöhte Risiko bei sehr niedrigem diastolischen Blutdruck dürfte am ehesten auf Alters-bedingte Veränderungen zurückzuführen sein (geringere Elastizität der Arterien).